Rezension: "Loney" von Andrew Michael Hurley

In "Loney" erwarten den Leser jede Menge sinnlose Absurditäten, krankhafte Ideologien, Religionsfanatismus und eine durchwegs unmoralische Story. Würde nicht Hurley auf dem Einband stehen, könnte man durchaus glauben, man hätte es mit einem früheren "King" zu tun (nur harmloser/zurückhaltender), so einfühlsam, so präziese, so vorsichtig wird hier erzählt. 

 

Kurze Anmerkung: Die Geschichte - wie im Klappentext angeführt - als "...unheimlich" (Telegraph) oder als "...meisterhafte Exkursion ins Grauen." (Sunday Times) zu bezeichnen, finde ich doch ein klein wenig übertrieben bzw. irreführend. (...egal wie subtil das Ganze auch erscheinen mag.) Leider wird dem Leser hier zu Beginn eine völlig verquere Erwartungshaltung nahegelegt, die sich womöglich auf die schlussendliche Bewertung/Weiterempfehlung auswirken könnte.

Die Aussage "Selten sind Debütromane so vollendet, mit einer solchen Stilsicherheit geschrieben..." trifft hingegen zu 100% zu.

 

Man muss sich immer wieder mal vor Augen führen, dass man es hier mit einem DEBÜT zu tun hat!! (...das übrigens im Januar 2016 mit dem Costa Book Award für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde*)

 

In Anbetracht dessen, darf - meiner Meinung nach - mit dem Autor nicht zu hart ins Gericht gegangen werden, weswegen er von mir einen kleinen Bonuspunkt zugeschanzt bekommt. Es werde also Gnade vor Recht ergehen. 😉 Gott sei Dank (...jetzt geht's bei mir auch schon los!😂) hat der Autor, bzw. seine Erstlingsgeschichte, keinerlei Pluspunkte nötig, da ohnehin schon viele Komponenten miteinander harmonieren.

Ich muss nach Beenden der Lektüre wirklich offen zugeben, dass Andrew Michael Hurley ganz vieles richtig gemacht hat:

 

  • Er definiert und strukturiert seine Handlungsabläufe ganz klar. (Der altbekannte, so oft vermisste "rote Faden" ist vorhanden!)
 
  • Er hat seine - aus der Ich-Perspektive gezeichnete - Hauptfigur bestens im Griff und weiß somit ganz genau wo die Reise mit ihr hingehen soll/wird. Zwar lässt er sie eher im Hintergrung agieren, schanzt ihr sozusagen eine eher passive Rolle zu, versucht aber trotzdem ihr den nötigen Spielraum für Dialoge und Weiterentwicklungen zu lassen.

 

  • Er ist ein wirklich talentierter Erzähler, der sich zwar mit Bedacht vorantastet und oftmals eine Spur zu extrem auf der Bremse steht,...dennoch mit seinem ganz eigenen "Sound" zu überzeugen weiß.

 

 Ich gebe euch kurz ein Beispiel:

 

'Billy war ein ortsbekannter Trinker. Sein tiefer Absturz gehörte wie das Wetter fest zur Mythologie der Gegend, und er war ein gefundenes Fressen für Menschen wie Mummer and Father Wilfred, die ihn als Kürzel dafür verwendeten, was der Alkohol mit einem anstellen konnte.

Billy Tapper war keine Person, er war eine Strafe.'

 

Okay, der Autor erfindet zwar das Rad nicht neu (...ein ähnliches Storybild findet sich bereits bei Wiley Cash - 'Fürchtet euch',...), hat aber dafür jede Menge Gespür für seine Figuren, deren Backgrounds und den Auswirkungen zueinander übrig! Manchmal sogar, war die Story so...abartig, dass ich an Terri Gilliams "Tideland", oder - in Bezug auf das Setting - an "MadMax" oder "The Road" erinnert war.

 

Kritikpunkt:

Man hätte die knapp 400 Seiten etwas komprimieren, bzw. auf spannungstechnischer Seite noch mehr ausbauen können/dürfen. Hin und wieder hätte es der Geschichte ganz gut getan, wenn der Autor "schneller zum Punkt gekommen wäre". Außerdem bleibt am Ende die Frage: "Was will er mir mit diesem Buch sagen??"

 

Fazit:

 

Da ich Debütromane im Allgemeinen sehr zu schätzen weiß, ich mir die Schwierigkeit beim Schreiben des Erstlings durchaus vorstellen kann, und Hurley seine 'Hausaufgaben' mehr als gut gemacht hat, bleibt mir abschließend nichts anderes übrig, als dieses unfassbar schräge Werk mit Lob auszustatten.

Die Story ist natürlich aufgrund der stark dominierenden Schwerpunktthematik, äußerst speziell konzipiert, deshalb enthalte ich mich diesmal der Aussprache einer Empfehlung.

 

(*Costa Book Award im Detail: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Costa_Book_Award)

 

Inhaltsangabe:

 

The Loney - ein verregneter, unwirtlicher Landstrich an der nordenglischen Küste. In der Karwoche des Jahres 1976 pilgert eine brüchige kleine Glaubensgemeinschaft aus London dorthin, um in der Wallfahrtskirche der heiligen Anna für ein Wunder zu beten: möge Hanny, äußerlich schon fast ein Mann, doch von kindlichem Gemüt, von seiner Krankheit erlöst werden. Dreißig Jahre später legt ein Erdrutsch bei The Loney die Leiche eines Babys frei. In Hannys jüngerem Bruder Tonto weckt dies Erinnerungen an jene Reise, die er all die Jahre tief in seinem Inneren verborgen hatte. Doch jetzt drängt die Vergangenheit mit Macht an die Oberfläche und droht, ihm den Boden unter den Füßen wegzureißen.

Dieser ungewöhnliche, faszinierende Roman erweckt mit stilistischer Brillanz und einem virtuosen Gespür für Zwischentöne Charaktere und Landschaft zum Leben. Zugleich stellt er grundsätzliche Fragen nach dem Wesen von Glauben und Aberglauben, Vertrauen und Hoffnung.

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