FILMKRITIK: „THE HOUSE OF THE DEVIL“ (Horror - 2009)



Es wird in der Branche immer wieder davon gesprochen, dass gewisse Filmtitel einer speziellen zeitlich-epochalen Spanne nachempfunden werden (speziell oftmals bei Remakes der Fall) und sich völlig bewusst - vor allem in filmtechnischer Hinsicht – besagtem Zeitalter annähern. Soll abgekürzt heißen: Sobald ein Filmemacher nur den Hauch einer altertümlichen Filmkunst in seinen Werken verarbeitet hat, wie auch immer dieser aussehen mag, wird sofort von einer Hommage gesprochen. In diesem Fall sage ich: NEIN! NEIN! NEIN! Nicht jeder x-beliebige-0815-Furz ist auch gleichzeitig eine Hommage an ein Kinozeitalter, bzw. an einen speziellen in die Jahre gekommenen Klassiker.

Nur weil der Regisseur einen Dialog verwendet, der auch in Originalwerk vorkommt, IST DAS NOCH LANGE KEINE HOMMAGE. Wenn Versatzstücke der ursprünglichen Story aufgegriffen werden, IST DAS NOCH LANGE KEINE HOMMAGE. Wenn man Cameo-Auftritte nutzt, um den Nostalgie-Faktor anzuheizen, … IST DAS VERDAMMT NOCHMAL KEINE HOMMAGE! Ich selbst nehme mich da gar nicht aus, und ertappe mich oftmals selbst dabei, dass ich zu vorschnell, Vorkommnisse als eine Art Hommage definiere, aber nein: Damit man von einer wahrhaftigen Hommage reden kann, bedarf es auch der filmischen Adaption: Da muss beispielsweise das Grundmaterial passend sein, die Kamera, der Sound, das Setting, das Storytelling, das Artdesign, die Kostümierung, der Film- und Tonschnitt per se, generell: Der Film MUSS sich auf schon auch dem technischen Niveau einer früheren Produktion befinden, sodass er mal in die Nähe einer Ehrerbietung kommt. Worauf ich eigentlich hinauswill: Ti West hat in diesem Punkt schon häufig versucht, das späte 70er-Jahre-Kino nachzuempfinden, ist meiner Meinung nach aber jedes Mal daran gescheitert, wenn es darum ging, Character-Building, Storykonzeption, Atmosphäre und den authentischen Bau eines Settings unter einen Hut zu bringen. (Wobei ich fairerweise sagen muss, dass er mit „X“ einen richtig starken Titel abgeliefert hat, der recht viele Anleihen einer 70er-Jahre Produktion hatte!)


Jetzt habe ich endlich mal „THE HOUSE OF THE DEVIL“ aus dem Jahr 2009 nachgeholt und muss sagen: DAS ist definitiv eine Hommage an das 80er-Horrorkino, genauso wie es eigentlich sein sollte. All die Komponenten, die ich oben noch kritisiert habe, wurden in diesem Film zusammengetragen und ergeben schlussendlich ein sauberes Bild eines Horrorklassikers. Schon allein dieser Opener mit seinem überdrehten, schrillen Sounddesign, in Kombination mit der extrovertierten Präsentation des Filmtitels, hat mich direkt an die ganzen alten Horror-Slasher-Schinken von Carpenter, Craven & Co erinnert. (Obwohl „THE HOUSE OF THE DEVIL“ ja kein Slasher-Titel ist) Herrlich. Dann gibt es auch noch diese schrulligen, leichtgläubigen, naiven Charaktere, die seitens der Regie, durch das Vortäuschen „schlechter Tonabmischungen“, ständig so klingen, als wären ihre Stimmen gedämpft oder gar nicht fälschlicherweise so mies aufgenommen worden. Ja, selbst die deutsche Synchro ist derart neben der Spur, dass man sich sofort an diesen späten 70er-Jahre-Style erinnert fühlt, … und das ist verdammt gut so. Außerdem haben mir diese sinnlosen, völlig irrelevanten Zoom-Fahrten, Close-ups und Kamerapositionen, die man aus den alten Filmen kennt, echt geil gefallen. Auch dieser wirre, total hart gesetzte Schnitt, bzw. das Überblenden von Szenenbildern zwischen den einzelnen Shots hat super dazu gepasst. Ja, das würde beim modernen Kino heutzutage alles nicht mehr funktionieren, aber in diesem speziellen Fall hat das ganz wunderbar gewirkt. Ich muss schon sagen: Der Film hat mich wirklich positiv überrascht und über weite Strecken bestens unterhalten. Dennoch lassen sich zwei Kritikpunkte festmachen: 1. Eine ernstzunehmende Handlung - wenn es denn überhaupt eine gab - war für mich praktisch nicht auszumachen, beziehungsweise nicht existent/relevant. Hier hätte Ti West - trotz Anlehnung ans alte Genrekino - das Drehbuch vielleicht besser im Griff haben müssen. 2. Der Film hat - auf die Gesamtlaufzeit von 93 Minuten gerechnet - ein richtig mieses Zeitmanagement (Timing). Zuerst gibt’s ’ne 40-minütige Vorlaufzeit, in der rein gar nichts passiert, und dann packt er wiederum jede Menge Action-Sequenzen dicht hintereinander und überfrachtet den Film dermaßen. (Diese Aspekte werden wahrscheinlich ausschlaggebend dafür sein, warum im Netz so viele Negativkritiken unterwegs sind.)


Abschließend muss ich noch eines anmerken: „THE HOUSE OF THE DEVIL“ ist völlig bewusst und absichtlich, in allen Belangen, brutal überladen, dass man stets gut daran tut, ihn als klassische Horrorkomödie zu betrachten. Nicht mehr und nicht weniger. Tut man das, dann verzeiht man den ein oder anderen Fehler viel leichter, dann dürfte auch das Konzept des Films bestmöglich fruchten und unterhalten.


Inhaltsangabe:


Weil ihr das nötige Kleingeld fehlt, ist die junge Studentin Samantha gezwungen, einen Babysitter-Job anzunehmen, um sich eine neue Wohnung leisten zu können. Es stellt sich heraus, dass es kein Baby ist, auf das aufgepasst werden muss, sondern die bettlägerige Schweigermutter des Auftraggebers, Mr. Ulman. Samanthas Freundin Megan, die sie zur Unterstützung begleitet, da das Haus weit ab vom Schuss liegt, plagt ein schlechtes Gefühl. Doch die Verlockung eines sehr guten Verdienstes, noch dazu mit minimalem Aufwand verbunden, lässt Samantha ihre Vorsicht vergessen und Megans Warnungen in den Wind schlagen. Als Mr. Ulman und Megan fort sind und Samantha alleine mit der unbekannten alten Dame, die im verschlossenen oberen Stockwerk des Hauses residiert, zurückbleibt, wünscht sie sich schon sehr bald, die Nacht möge schnell enden.

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