Rezension: "Cruddy“ von Lynda Barry

Wie lange habe ich eigentlich auf eine Coming-of-Age Story warten müssen, die sich nicht wie diese uninspirierte standardisierte Mainstream-Teenager-Tirade anfühlt, sondern mit jeder Faser ihres Daseins versucht, eigenständige Wege zu gehen, rauer, authentischer, mutiger, kontroverser und - in Bezug auf ihre Darstellung - auch ein Stück weit interessanter zu sein. Nein, „CRUDDY“ ist keinesfalls dieses typische 0815-Good-Feel-Movie-Ding, das man sich in gemütlicher, warmer Atmosphäre gönnt und dessen Inhalt einen mit schmalzigen-Lovestory-Klischees unendlich quält. Ganz im Gegenteil. Ich würde den Titel - kurz und knapp - als DEN Emo unter den Entwicklungsromanen bezeichnen: Deprimiert, leicht melancholisch, grobschlächtig, düster, dreckig, dafür aber mit einer kräftigen Portion Authentizität und einer ganz feinen - wirklich ganz dezenten Brise Humor. Außerdem fühlt sich der Text beim Lesen sehr despektierlich, zynisch und ganz schön hart an, was ich - in diesem speziellen Kontext - richtig geil gefunden habe. Manche Szenen sind sogar richtig BRUTAL: Da wird jemand psychisch terrorisiert, beleidigt, erniedrigt oder gar körperlicher Gewalt ausgesetzt, und dennoch ist es der Autorin irgendwie gelungen (fragt mich bitte nicht nach dem „wie“), dieser heruntergekommenen Schattenseite des Romans, stets eine gut ausgeleuchtete Lichtquelle bereitzustellen, die Ästhetik des Seins einzufangen und sie auf ein kleines Podest zu heben.


Bereits auf der ersten mit Inhalt bedruckten Seite gibt es ein Statement der Protagonistin Roberta Rohbeson in dem es heißt:


„Dafür sind die Drogen nicht verantwortlich. Ich hatte diesen Plan schon gefasst, bevor die Drogen überhaupt in mein Leben getreten waren. Und gebt nicht Vicky Talluso die Schuld. Es war meine Idee, mich umzubringen.“


Somit entschärft Autorin Lynda Barry ihre gesamte Erzählung drastisch, weil sie der Geschichte den Tod ihrer Hauptfigur voranstellt. Ein zugegebenermaßen gefährlicher, aber auch nicht minder kluger Schachzug, um das gesamte Gefühls-Ausmaß des Hauptcharakters vollends und mit allen Facetten begreifen/erleben zu können. Man weiß zwar, wie diese ganze Dark-Noir-Scharade vermutlich enden wird, man kennt aber die Beweggründe für die Aktion per se nicht. Das hat die Sachlache für mich so unfassbar interessant gemacht, dass ich regelrecht durch diese 430 Seiten geflogen bin.


Leute, „CRUDDY“ ist für mich einer der besten Titel in der Must-Read-Reihe, ach was sag ich, einer der besten Titel im Verlagsprogramm!


Inhaltsangabe:


Es war einmal, zu einer dreckigen Zeit, an einer dreckigen Straße, am Fuß eines dreckigen Hügels, im dreckigsten Teil einer verdreckten Stadt, in einem dreckigen Staat, Land, Erdkreis, Sonnensystem, Universum.


So beginnt die 16-jährige Roberta Rohbeson in einer Septembernacht 1971 mit der Erzählung ihres Lebens. Jetzt wird endlich die Wahrheit über den mysteriösen Tag vor langer Zeit ans Licht gebracht, als die Behörden ein Kind fanden, das über und über mit Blut bedeckt durch die kochend heiße Wüste irrte.

Der vielleicht dunkelste Coming-of-Age-Roman, der bisher geschrieben wurde. Mit der Fähigkeit, die schrecklichsten Szenen urkomisch erscheinen zu lassen, ist Cruddy eine atemberaubende Leistung der Autorin.

Eine Reise quer durch Amerika mit Robertas gefährlichem Vater, angetrieben von Rache und Gier.

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