Rezension: "Tod eines Gentleman“ von Christopher Huang

Rezension „Tod eines Gentleman“ (Christopher Huang)


Ich mache sofort Nägel mit Köpfen: Vergangene Woche habe ich im Netz eine Rezension einer Userin entdeckt, die sich recht deutlich entgegen der Heyne-Lektüren ausgesprochen hat. Sie war der Meinung, dass ein Großteil der Bücher optisch hervorragend konzipiert wäre, der Inhalt allerding sehr häufig zu Wünschen übrig ließe. Plakative Irreführung. Außen hui, innen pfui.


Um das Ganze vorweg zu entschärfen: Ihre geschätzte Meinung in allen Ehren, aber es gibt eine unglaubliche Vielzahl an Titel, die jener „These“ - meiner Meinung nach - deutlich entgegensprechen!


Um ein paar zu nennen:


- „Der Marsianer“ (Andy Weir) / Innerlich, wie äußerlich herausragend!


- „Fireman“ (Joe Hill) / Sieht nicht nur sensationell aus, hat auch ganz schön was auf dem Kasten!


- „HEX“ (Thomas Olde Heuvelt) / völlig unkonventionell, ruhig, zurückhaltend, subtil; gerade deshalb so grausam und angsteinflößend. Erstklassiges Cover, sehr unterhaltsam!


- „Bis zum letzten Tropfen“ (Mindy McGinnis) / Herrliche Idee einer dystopischen Grundstory, bedacht, clever; Leute, es müssen nicht immer gleich die Fetzen fliegen!


- „Gwendys Wunschkasten“ (Stephen King) / bedarf grundsätzlich keiner Erläuterung!


- „Die Einkreisung“ (Caleb Carr) / Schöne Adaption der Netflix-Serie


- „Die Tochter der Hexe“ (Paula Brackston) / Gemächlich erzählt, viel Tempo rausgenommen, aber herrlich frisch und liebevoll konzeptioniert; vom hervorragenden Cover mal abgesehen.


- „Der Bär und die Nachtigall“ (Katherine Arden) / Sehr ambitioniertes, lebendiges Storytelling, um einen Mythos, der in Sachen Atmosphäre und Setting zu unterhalten weiß!


Auch in „Tod eines Gentleman“ ist von dieser „optischen Täuschung“ absolut nichts zu spüren!


Christopher Huang (Muss gestehen: ein mir bislang völlig unbekannter Autor?!) transportiert seine History-Crime-Story in ein äußerst vorzeigbares, unterhaltsames Konzept, nimmt den Leser in die Phase der Nachkriegszeit mit und überlässt sie der physischen, wie psychischen Herausforderungen eines Wiederaufbaus. Doch nicht nur bei den stark ausgearbeiteten, authentischen Figurengruppen herrscht Aufbruchstimmung, auch der Autor hat sich ernsthafte Mühe gegeben, diese kaputte Welt zu formen, sie zu definieren, zu rekonstruieren, sie bestmöglich für den Leser zu veranschaulichen, seiner Erzählung einen vorzeigbaren Sprachführer zu geben und der Handlung das gewisse Etwas zu verpassen. Mit Erfolg würde ich meinen, denn sein Romandebüt - „Tod eines Gentleman“ - liest sich nicht nur äußerst ambitioniert, und ausgereift, er hat auch viel dafür getan, eine sehr solide Krimihandlung in dieses atmosphärische Setting einzupflegen, die es Wert ist, verfolgt, genossen, aber auch im Gedächtnis verankert zu werden.

Damit erfindet er zwar das Rad nicht neu, darf sich aber durchaus in die Reihe der Könner seiner Genrekollegen (Niklas Natt och Dag - „1793“, Jess Kidd - „Die Ewigkeit in einem Glas“, Steven Price - „Die Frau in der Themse“) einstellen, wenngleich sein Roman weder hochtrabend, poetisch, oder gar ambivalent zu sein scheint, so viel darf man an dieser Stelle - auf hohem Niveau versteht sich - anmerken. Unterhaltung“ ist hier das Zauberwort.


Ich habe mich jedenfalls bestens unterhalten gefühlt und kann diese Lektüre - auch wenn genügend Potential für Optimierungen dagewesen wäre - mit gutem Gewissen weiterempfehlen.


Inhaltsangabe:


London, 1924. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs liegt über den Straßen der Metropole Aufbruchsstimmung. Wissenschaft, Frieden und Wirtschatsaufschwung scheinen wieder möglich zu sein. Doch in den finsteren Gassen Londons regiert nach wie vor das Verbrechen – und der Schrecken der immer noch traumatisierten Soldaten. Als Eric Peterkin, seines Zeichens Gentleman und Kriminallektor, an einem nebligen Morgen die heiligen Hallen des ehrwürdigen Britannia Clubs betritt, ahnt er nicht, dass er bald in einen handfesten Mord aus Fleisch und Blut verwickelt sein wird. Ein Clubmitglied wird erstochen und flüstert Peterkin ein letztes Vermächtnis ins Ohr: „Rächen Sie die Vergangenheit!“ Peterkin macht sich auf in die nebligen Gassen Londons und kommt einem Verbrechen auf die Spur, das von finsteren Opiumhöhlen zu den eleganten Zimmern hoher Politiker führt… 


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