Rezension: "Long Way Down“ von Jason Reynolds

Ich komme wohl gleich zum Punkt: „Long Way Down“ ist der mit Sicherheit verrückteste, rasanteste, stilistisch eigenwilligste Titel den ich bislang rezensiert habe. KEIN WITZ! So etwas habe ich bis dato noch nicht gesehen: Erwartet habe ich einen straighten Thriller auf solider Basis, bekommen habe ich einen echt abgefahrenen Cocktail aus Crime, Prosa, lyrischer Gewalt und einem kräftigen Schuss Slam-Poetry.

 

Ich weiß gar nicht was ich merkwürdiger finden soll: Die inhaltliche Aufmachung des Textes, die seltsame Anordnung der Absätze, die vielen leeren Seiten, der überaus unkonventionelle Stil, oder die Tatsache, dass ich 315 Buchseiten in knapp 40 Minuten erledigt hatte. WAS ZUR HÖLLE? Das ganze verdammte Ding scheint wie ein einziger Cliffhanger zu sein, der bis ans Ende - ohne Halt - durchzieht. Völlig scham- und kompromisslos. So als hätten Michael Lister („Selbstauslöser“), Dennis Cooper („Mein loser Faden“) und Jason Reynolds dieses gewaltsame Prosastück auf Speed verfasst!

 

Um ehrlich zu sein, könnte ich nun die Handlung in ihre Einzelteile zerlegen, einen wachsamen Blick darauf werfen, kritisieren, verurteilen, denunzieren, mich fragen, was das Ganze eigentlich zu bedeuten hat?

Aber: Stellt man sich genau diese eine Frage, versucht man den Background dieser Sache zu begreifen, die Beweggründe des Verantwortlichen zu verstehen, so wird schnell klar, dass man es mit einer künstlerischen Ausprägung zu tun, dessen bin ich mir ganz sicher! Denn Jason Reynolds Thriller? Drama? „Gedichtband“? will genau jene Extravaganz, jene Eigenständigkeit verkörpern und nach außen transportieren. Sein Text sollte anmutig, besonders und eigenartig wirken, sich von der Masse distanzieren, aber genug Charme aufbringen, um bestehen zu können.

 

Eines scheint aber klar zu sein: Es werden sich mit Sicherheit zwei konträre Meinungsbilder ergeben: Die einen werden Reynolds Titel als krassen Outsider, als Genre-Ausreißer betrachten, der gerade wegen seiner Konzeption zu gefallen weiß. Die anderen werden ihn als lächerlich betrachten, ihm ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis voranstellen, das ich in gewisser Weise auch nachvollziehen kann. Man kann es also drehen und wenden wie man möchte: Dieses Buch wird die Lager spalten!

 

Fazit:

 

Ihr werdet mich zwar für verrückt erklären, aber jetzt kommt der springende Punkt, Leute: Ich finde diesen Titel richtig geil! So uncharmant und dennoch bedacht, so abgehalftert, so extrovertiert, so extravagant, ohne Rücksicht auf den Leser, beinhart, voll auf die Zwölf! Ein herrliches, völlig irres Kontrastprogramm zum gängigen Genre-Mainstream! Hier fliegen die oftmals aus dem Kontext gerissenen Wörter durch die Gegend, hier wird aneinandergereiht, auseinandergerissen, hier wird mit den Absätzen kokettiert, Schriftbilder wie Runen verkauft, (Belastungs-)Grenzen ausgetestet, hier wird der Leser gefordert, abgeholt, gleichzeitig aber auch im Regen stehen gelassen.

 

Diese Verspieltheit, diese selbstsichere Unverschämtheit, diese trockene, aber auch irgendwie sympathische Erzählstruktur hat bei mir ins Schwarze getroffen. Aber es sei euch gesagt: Nicht jeder wird von dieser Art und Weise des Aufbaus erfreut sein, nicht jeder wird daran Gefallen finden, ABER mal ehrlich: Das Ganze ist an allen Ecken und Enden höchstgradig unterhaltsam! Ich liebe es!

 

Inhaltsangabe:

 

Will ist entschlossen, den Mörder seines Bruders zu erschießen. Er steigt in den Fahrstuhl, die Waffe im Hosenbund. Er ahnt noch nicht, dass die Fahrt ins Erdgeschoss sein Leben verändern wird. Er denkt an Menschen aus seiner Vergangenheit, und was er mit ihnen erlebt hat. Es sind Erinnerungen und Geschichten voller Gewalt, Hass, Ohnmacht und Rache. All diese Menschen sind tot. Und Will muss sich fragen, was das für sein Leben bedeutet. Als er im Erdgeschoss ankommt, ist er sich nicht mehr sicher, ob er seinen Bruder tatsächlich rächen wird, weil es »die Regeln« so wollen. Oder kann er den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen?

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