Rezension: "Wir haben schon immer im Schloss gelebt" von Shirley Jackson

Im Jahr 1948 veröffentlichte die in Kalifornien geborene Shirley Jackson ihre Kurzgeschichte „The Lottery“ und erntete damit jede Menge Empörung, Hass und Spott. Viele ihrer Leser waren nach Publizieren des Werkes derart entsetzt, dass sich deren Unmut in Hassbriefe manifestierte. ‚The Union of South Africa‘ hatte die Veröffentlichung Jacksons Geschichte sogar verboten.
Heute gilt sie als eine der wichtigsten Autorinnen der US-amerikanischen Literatur und wird kurzum als DIE „Queen of Horror“ bezeichnet. Sie hat die Entwicklung des Genre maßgeblich geprägt und dient auch heute noch als Inspirationsquelle vieler Autoren. Völlig zurecht, denn ihre Texte sind wahsinnig ehrlich, authentisch, feinfühlig, spürbar atmosphärisch und auf ihre spezielle Weise angsteinflößend. Diese bedrohlichen, voryeuristischen, blasphemischen Szenarien, die Jackson mit ihrer wunderbar leichten Prosa zum Leben erweckt hat, dürfte in dieser Form einzigartig sein, jedenfalls ist mir bis dato kein vergleichbarer Text untergekommen. Doch damit ist es längst nicht getan. Die Gute hatte anscheinend ein besonderes Händchen dafür, Protagonisten zu entwerfen, die in puncto Konzeption, Darstellung und Weiterentwicklung kaum zu übertreffen sind. Es ist diese bitterböse Mischung aus bemitleidenswerter Verletzlichkeit und distanzierter Unberechenbarkeit, die ihre Charaktere zu einem so seltsamen Medium der Geschichte machen. Und das spürt man in jedem einzelnen Absatz.
Ein weiterer Faktor ihres über den Tod hinaus andauernden Erfolges, dürfte wohl der konstant akribische Storyaufbau sein, der immer wieder zu spüren ist. Auch die zurückhaltenden, derailreichen Schilderungen aus Protagonistensicht sind ein starkes Merkmal ihres schriftstellerischen Daseins.
All diese feinfühligen Werte hat die Autorin in ihre Erzählung - „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ - miteinfließen lassen und zeigt damit, wie behutsam eine „Geistergeschichte“ aufgebaut werden kann. Sie trat damit auch den kalkühlen Beweis an, dass im Genre jede Menge Wandelbarkeit möglich ist, ohne dabei aber auf die Eigenständigkeit der Story zu verzichten. Man hat also ständig das Gefühl, als würde man die Figuren eine Bewusstseinsebene tiefer begleiten, während an der Oberfläche sich die Nichtigkeiten in Luft auflösen. Eine gekonnt starke Form des Storytellings, über die sich viele Autoren erst gar nicht herantrauen, in der ständigen Angst, nicht attraktiv genug für den Leser zu erscheinen. Effekthascherei findet man hier also vergeblich.
Seltsam: Etwas das mir äußerst positiv/auffallend in Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass nicht etwa Geister für das nötige Unbehagen beim Leser zuständig sind, sondern der eigene Kampf mit den inneren Dämonen, diese subtile Klaustrophobie, dieses über die Maße introvertierte Auftreten für die notwendige beklemmende Atmosphäre sorgt. Neid und Missgunst sind an jeder Ecke spürbar, überbrücken die Grenze zwischen einer fiktiven Erzählung und ernstzunehmender Realität. DAS ist mit Sicherheit der größte Unterschied, der sich in Bezug auf das tote/lebendige Kollegium im Genre festmachen lässt. DAS ist der Hauptfaktor, der diese sonderbare Geschichte hervorhebt und das Gelesene zu dem werden lässt, für das es schlussendlich auch gehalten wird: „Shirley Jacksons Meisterwerk“!

 

Inhaltsangabe:

 

Merricat lebt am Rande eines Dorfes im Schloss der Familie Blackwood, nur in Gesellschaft ihrer Schwester Constance und dem wunderlichen Onkel Julian, der an den Rollstuhl gefesselt ist. Alle anderen Familienmitglieder wurden vergiftet.
Merricat liebt die Ruhe im Schloss. Aber seit Constance vor Gericht freigesprochen wurde, den Rest der Familie ermordet zu haben, lässt die Welt den Blackwoods keinen Frieden mehr.
Und als Cousin Charles auftaucht, voller falschem Getue und dem verzweifelten Bedürfnis, an den Inhalt des Familiensafes zu kommen, muss Merricat alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Schloss und seine Bewohner vor Schaden zu schützen …

Selbstverständlich ist Shirley Jackson mehr als nur die 'Queen of Horror' – sie ist eine der wichtigsten Autorinnen der US-amerikanischen Literatur.

 

Frankfurter Rundschau: 'Das Buch geht unter die Haut. Die gespenstische Atmosphäre, in der die beiden Schwestern und der halb verrückte Onkel leben, ist so beklemmend geschildert, dass man von der Lektüre nicht mehr loskommt.'

 

Neil Gaiman: 'Eine erstaunliche Autorin. Wenn du sie nicht gelesen hast, hast du etwas Wunderbares verpasst.'

 

Joyce Carol Oates: 'Ein Meisterwerk unter den unheimlichen Thrillern. Shirley Jackson ist eine dieser höchst eigenwilligen, unnachahmlichen Schriftstellerinnen, deren Werke einen bleibenden Zauber ausüben.'

 

Donna Tartt: 'Ihr bestes Buch. zugleich skurril und erschütternd, mit der detailreichen Fantasie eines Miniaturmalers skizziert, der in einem Mausoleum sitzt. Wir fallen in Tiefen und Tiefen und blutrote Tiefen hinab, bis von der Realität nur noch ein unheimlicher, fast vergessener Schimmer hoch oben bleibt; und je tiefer wir sinken, desto tiefer wollen wir fallen.'

 

Jonathan Lethem: 'Für mich ist dieses ungewöhnliche und traumartige Buch ihr Meisterwerk.'


The New York Times: 'Ein verblüffendes Hexengebräu voller unheimlicher Kraft.'

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