Rezension: "Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joël Dicker

Wenn sich die überschwänglich positiven Besprechungen türmen, auf mehr als 700 Buchseiten keine(!!!) Qualitätseinbüßungen auftauchen, von „Meilenstein“, oder gar „Meisterwerk“ die Rede ist und die Genregrenzen bis zum Äußersten ausgereizt werden, dann hat man es - höchstwahrscheinlich - mit einem großartigen Erzähler zu tun.

Doch wie viele von euch bereits wissen werden, sind - auf Buchcover abgedruckte - „Pressestimmen“ oft irreführend, belanglos, teils an den Haaren herbeigezogen und nicht immer ein galanter Indikator dafür, dass man es tatsächlich mit einem qualitativ hochwertigen Stoff zu tun hat.

Am Beispiel Joël Dicker sieht man klar und deutlich, dass es in der heutigen (Krimi-)Welt noch möglich ist, aus einem recht gewöhnlichen Plot, Unfassbares entstehen zu lassen. Es gelingt ihm meisterlich, Ideenreichtum, Erzähl-Strukturierung und eine scharfe Beobachtungsgabe in der Figuren-Charakterisierung zu kombinieren, genreübergreifend zu arbeiten, seine Handlung derartig sensibel aufzublasen, ohne dabei aber dem Leser gegenüber aufdringlich zu werden. Kurz: Wenn der Leser nach knapp 730 Buchseiten, verwundert, fasziniert, deprimiert ist, er das Gefühl hat, die Handlungsstränge des Autors weitererleben zu wollen, dann kann man - guten Gewissens - davon sprechen, dass Joël Dicker ALLES richtig gemacht hat.

Also: Jede einzelne (Presse-)Stimme hat ihre Berechtigung und spendet dem jungen Schweizer tosenden Applaus zu seinen Leistungen. Denn was der in Genf geborene Bestsellerautor in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ veranstaltet hat, ist mehr als beachtenswert, dies noch detailreicher und ausführlicher zu bewundern, würde den Rahmen völlig zersprengen.


Und so scheint nun der Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem Joël Dicker etwas wirklich Seltsames wiederfährt: Er muss die äußerst schwierige Aufgabe annehmen, seiner Leistung gerecht zu werden, den Druck dahinter auszublenden und in die selbst verursachten Fußstapfen zu treten.


Die Frage aller Fragen: Ist ihm DAS gelungen?


Obwohl ich gestehen muss, dass sich (trotz aller Bemühungen) viele klischeehafte Elemente des klassischen Kriminalromans finden haben lassen, hat Joël Dicker es dennoch irgendwie fertig gebracht, diese auf seine charmante, direkte Weise zu transportieren. Zugegeben: Auch wenn sich während des Handlungsaufbaus kaum etwas Neuartiges auftut, man ähnliche Storykonzepte bereits schon hundertmal vorher gelesen hat, die Figuren leider völlig blass bleiben, und die Geschichte nicht unbedingt am Reiz von „Harry Quebert“ anschließen kann, überkommt einem dennoch ständig das Gefühl, Joël Dicker würde mit diesem Konzept das Rad irgendwie neu erfinden. Ganz schön konfus, ich weiß.

Denn sein unfassbar stark ausgeprägtes Gespür für das Setzen von Höhepunkten, das Integrieren von Cliffhangern und das punktgenaue Timing, mit dem er seine Geschichten erzählt, ist einfach toll,...und DAS wirkt sich im Endeffekt erheblich auf die Qulität der Erzählung aus. So sollte es zumindest sein.


(Leute: „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist weder „anspruchsvoll“, hoch literarisch, noch Pulitzerpreis-verdächtig, keine Frage, aber eines darf man diesem - in mühevoller Arbeit konzipierten - Text nicht absprechen: Er ist unterhaltsam!!! So unterhaltsam, dass man beim Lesen stets das Gefühl hat, als würde man einen dreistündigen Film vor dem geistigen Augen haben,...einen jener Sorte, den man bis zum bitteren Ende mitverfolgt, mitleidet, und hinterher dennoch enttäuscht ist, das er doch so kurz ausgefallen ist.)


Jetzt kommt das große ABER:


So amüsant Joël Dickers neuer Roman auch beginnt, so enttäuscht hat er mich dann am Ende zurückgelassen. Es hat sich mir ständig die Frage aufgedrängt, warum er sich dieses Mal so wenig mit seinen Charakteren beschäftigt, und Stephanie Mailer völlig links liegen gelassen hat. Da er ihr - vor allem zu Beginn - kaum Zeit gibt, sich in die Handlung einzufügen, sich vorzustellen, sich emotional beim Leser zu verankern, wird es mit zunehmender Seitenanzahl immer schwieriger, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Die Gute glänz nämlich nicht nur durch physische Abwesenheit, sondern tritt auch auf der Beziehungsebene äußerst selten in Erscheinung. Schade, da sich doch das Wesen der Erzählung stets um sie zu drehen scheint. Erst als die Ermittlungsarbeiten der drei Detectives (Die leider ebenfalls recht blass daherkommen) ihren Lauf nahmen, wurde das Bild um Mailer etwas klarer, strukturierter, empathischer.


Fazit:


So leid es mir tut, so sehr ich Joël Dicker mag und seine Texte auch schätze, aber in diesem Fall hat er eindeutig über das Ziel hinausgeschossen! Die Story ist viel zu aufgeblasen, unnötig in die Länge gezogen, die Vielzahl an unausgereiften Figuren bleibt konturlos, beinahe unbeteiligt,...bedeutungslos.

Wenn ich als Leser das Gefühl habe, einen verjährten Mordfall nicht aufgeklärt haben zu wollen und mir das Verschwinden des eigentlichen Hauptcharakters - mehr oder weniger - vollkommen egal ist (Mal ganz abgesehen von dem Mordfall 1994), dann wird es äußerst schwierig, den Leser bei Laune zu halten und noch irgendwie die Kurve zu kriegen.


Inhaltsangabe:


Es ist der 30. Juli 1994 in Orphea, ein warmer Sommerabend an der amerikanischen Ostküste: An diesem Tag wird der Badeort durch ein schreckliches Verbrechen erschüttert, denn in einem Mehrfachmord sterben der Bürgermeister und seine Familie sowie eine zufällige Passantin.

Zwei jungen Polizisten, Jesse Rosenberg und Derek Scott, werden die Ermittlungen übertragen, und sie gehen ihrer Arbeit mit größter Sorgfalt nach, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch zwanzig Jahre später behauptet die Journalistin Stephanie Mailer, dass Rosenberg und Scott sich geirrt haben. Kurz darauf verschwindet die junge Frau ... Die idyllischen Hamptons sind Schauplatz einer fatalen Intrige, die Joël Dicker mit einzigartigem Gespür für Tempo und erzählerische Raffinesse entfaltet.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0