Rezension: "Dort“ von Niko Stoifberg

Wer ein hilfloses, unschuldiges Kind zugunsten des literarischen Unterhaltungswertes opfern und kaltblütig ermorden lässt, der hat entweder jegliche Art des Mitgefühls verloren, oder weiß ganz genau, wonach eine Geschichte so dringend verlangt: Nach Dramaturgie. Nach Aufmerksamkeit. Nach Faszination.

Niko Stoifberg hat mit diesem eigenwilligen Plot, ganz augenscheinlich, einen Nerv getroffen, der so angeschlagen, so ramponiert, so geschädigt wirkt, dass er nach Beenden der Lektüre unbedingt wieder zusammengeflickt werden muss. (Die Betonung liegt hier auf dem Wort „MUSS!“)

Und ist DAS nicht etwa die Aufgabe eines jeden Buchautors? Die Leserschaft gefangen zu nehmen? Sie zu verblüffen? Sie zu beleidigen? Zu verstören? Aufs Glatteis zu führen? Sollten dies tatsächlich die Indikatoren dafür sein, ob ein Schriftsteller seinen Job leidenschaftlich, hingebungsvoll, und vor allem mit Bravour erledigt hat, dann darf man Niko Stoifberg an dieser Stelle ganz herzlich zu seiner Leistung gratulieren, denn schließlich gelingt es Autoren überaus selten, bereits im Einleitungskapitel, die Grundierung der Geschichte so zu präparieren, dass der Leser prompt den Boden untern den Füßen verliert. 


Nicht zu vergessen: (Ich habe es noch gar nicht erwähnt!) Es handelt sich hierbei um einen Debütroman!!! Umso faszinierender finde ich dann die Tatsache, dass sich dieser Text so mutig, so ausgereift, so kraftvoll und ambitioniert anfühlt,...ein recht untypisches Phänomen, das sich eher bei Folgetiteln, weniger bei Erstlingswerken feststellen lässt. Man kann also festhalten - und das lässt sich mit Bestimmtheit sagen -, dass Stoifberg alles menschenmögliche dafür getan hat, einprägsame, authentische Protagonisten zu entwerfen, denen man in dieser Form nicht noch einmal begegnen dürfte. Außerdem hat diese Handlung in ihrem Grundton, in ihrem Wesen, einen derart diabolischen Kern, sodass einem die herangezüchtete „Liebesgeschichte“ äußerst sauer aufstoßen, kurzum, mit einem einzigen Gefühl zurücklassen dürfte: Übelkeit!

Hat sich dieses Gemüt erst einmal etabliert, sich gefestigt, sich auch im Hirn eingenistet, so lässt es sich über die gesamte

Strecke nicht mehr so einfach eliminieren. Daraus lässt sich folgender Schluss ableiten: Niko Stoifberg hat eine unfassbar grausame, tragische und zugleich versöhnliche Geschichte geschrieben, die nicht nur von den prägnanten Charakteren zehrt, sondern auch inhaltlich lesenswerter nicht sein könnte. Außerdem ist er mit der emotionalen Komponente keineswegs sparsam umgegeangen und hat den vollen Umfang einer dramaturgischen Story voll ausgekostet.

Und obwohl Stoifberg einen mir völlig fremden Ton anschlägt, sich oftmals in Kleinigkeiten verstrickt, und vor lakonischen Einschlägen förmlich zu strotzen scheint, lässt sich kaum verbergen, dass mir diese Art und Weise des Erzählens sehr imponiert hat.

Demnach darf man das so in aller Deutlichkeit verkünden: Niko Stoifberg hat ALLES richtig gemacht!!!


Inhaltsangabe:


In einem unbeobachteten Moment stößt Sebi Zünd ein Kind in den See und springt ihm sogleich hinterher, um es zu retten. Vergebens jedoch, der Junge ertrinkt. Was kann die Aufmerksamkeit der erwachsenen Halbschwester Lydia, die Sebi auf sich ziehen wollte, ihm jetzt noch bedeuten? – Er ist schuld am Tod des kleinen Milo. Aber Lydia sieht in ihm den vergeblichen Retter, und tatsächlich bahnt sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte an. Wird sein Geheimnis entdeckt werden? – Niko Stoifberg entwickelt einen eindringlichen Sound, der den Leser sofort gefangen nimmt. Ein aufwühlender Debütroman!

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