Rezension: "Desperation Road“ von Michael Farris Smith

Eines muss man Michael Farris Smith echt lassen: Er hat mit Russell Gaines einen Protagonisten am Start, der auf jeden Fall seinesgleichen sucht. Ein Gezeichneter, ein verpeilter Ex-Knacki, der nicht nur vorgibt, ein unglaublicher Vollidiot zu sein, sondern auch tatsächlich einer ist. Zu seiner Verteidigung: Er ist einer der sympathischen Sorte Vollidiot, die das amerikanische Hinterland unabsichtlich in die Eier getreten hat. Dafür gibt es schon mal viele Pluspunkte!


Unabhängig davon, hat Farris Smith seine Sprache sehr bedacht ausgewählt, lässt viele dreckig geführte Dialoge durchblitzen und hat ein unfassbar authentisches Setting gefunden, dass sich perfekt in diese messerscharfe Geschichte einzufügen weiß, und zudem eine so derartig gefährliche, raue, leicht noir-angehauchte Oberfläche besitzt, dass man tatsächlich nur einen Gedanken fassen kann: Man möchte aus dieser - im besten Sinne - grässlichen Vorhölle so schnell wie möglich abhauen. Dies gilt übrigens auch für seine Charaktere, die stets versuchen, einen Platz in diesem bereits gescheiterten Leben zu finden, die versuchen, jegliche Vergangenheit hinter sich zu lassen, um irgenwo fernab der Bedrohlichkeiten, neu anzufangen zu können. Absolute Fehlanzeige, denn an diesem Punkt kommt der Autor ins Spiel und fesselt seine Figuren an die dunkle Seite des amerikanischen Outbacks, mit all ihren verheerenden Schattenseiten. Eines der postiven Aspekte dieser modernen, schätzenswerten und dennoch trostlosen, deprimierenden Western-Erzählung sind die sprachlichen Ausprägungen, die den Autor so deutlich von der Masse abheben. Äußerst lakonisch und ungeschminkt spielt er mit Worten, lässt auch die Darsteller des öfteren zu Wort kommen und hat sichtliche Freude daran, zu fabulieren und Kreativität miteinfließen zu lassen.

Es kommt also einem wahrlichen Genuss gleich, diesen Text lesen und bewerten zu dürfen. Also: Wenn James Lee Burke positive Worte übrig hat, und Vergleiche mit Cormac McCarthy laut werden, dann könnte möglicherweise eine gewisse Ähnlichkeit sehr nahe liegen. Meiner Meinung nach hat man es hier mit einem Schriftsteller zu tun, der sich zwar - völlig zurecht! - an den Vorbildern des Genre orientiert, sich aber keinesfalls beeinflussen lässt. So ensteht ein moderner, ambitionierter Text, der sich aber dennoch so anfühlt, als käme er aus einer längst verdrängten, nicht mehr allgegenwärtigen Zeit. Auf eines sollte man sich aber einstellen: Wie oben bereits erwähnt: Farris Smith ist ein talentierter Fabulierer, einer der in Sinnbildern denkt, ein Vollbluterzähler eben, der es liebt, Szenen in die Länge zu ziehen und tief in die Materie einzutauchen. Dies äußert sich meist in Form von ausgedehnten Szenenbildern, vielen Umstandsbschreibungen, detailverliebten Beobachtungen die Protagonistenhandlungen betreffend. Kurz: Er liebt das geschriebene Wort so sehr, dass dies in jeder Zeile des Romans durchaus spürbar ist. Langatmigere Passagen können also durchaus auftreten!


Auch inhaltlich gibt es überhaupt nichts zu meckern. Die Handlung wurde sehr direkt und entschlossen, ohne große Umwege zu Papier gebracht. Die emotionale Komponente hat man hier - ganz bewusst - weitestgehend ausgespart, dafür ist der Roman einfach viel zu distanziert, viel zu abgebrüht, viel zu kalt, fast schon „dokumentarisch“. Dies stellt aber keineswegs ein Problem dar, denn das nötige Feuer besorgt sich die Story bei den schroff gezeichneten Charakteren, die der Erzählung ganz klar ihren Stempel aufdrücken. Michael Farris Smith musste beim Schreiben seiner Geschichte keine Tricks anwenden, um das Interesse des Lesers hochzuhalten. Es hat meines Erachtens vollkommen ausgereicht, diesen Text ehrlich und bodenständig zu transportieren, die Spannung kam dann irgendwann von alleine.


Inhaltsangabe:


Mississippi-Delta: Elf lange Jahre saß Russell Gaines im Gefängnis, weil er betrunken Auto fuhr und dabei einen Jugendlichen tötete. Doch am Morgen seiner Entlassung muss er feststellen, dass nicht jeder der Meinung ist, er hätte schon für seine Schuld bezahlt. Am selben Tag stapfen eine Frau namens Maben und ihre kleine Tochter Annalee die Interstate entlang, verzweifelt, erschöpft, und bezahlen mit ihren letzten paar Dollar ein Zimmer für die Nacht eine Nacht, die damit enden wird, dass Maben mit einer Pistole in der Hand durch die Dunkelheit irrt und ein Deputy tot auf der Straße liegt. Im Morgengrauen kreuzen sich die Wege von Russell und Maben, und der Ex-Sträfling muss sich entscheiden, wessen Leben er retten wird: sein eigenes oder das der Frau und ihrer Tochter...

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