Rezension: "Ein wilder Schwan“ von Michael Cunningham

Michael Köhlmeier hat in seinem erst kürzlich veröffentlichten Meisterstück - „Von den Märchen“ - einen interessanten und extrem notwendigen Zugang zwischen Fantasiewelt und Gegenwart gelegt, der das Mysterium bewusst in seine Einzelteile zerlegt und es von allen Seiten mehrfach beleuchtet, ihm die längst überfällige Bühne bietet, gleichzeitig aber jede Menge Raum für Interpretationen übrig lässt. Vor allem aber schafft er Vorurteile aus der Welt und misst dem Kuriosum erheblichen Wert bei. All jene, die dieses wunderbare Buch gelesen haben, wissen wovon ich spreche. Allen anderen sei es natürlich wärmstens ans Herz zu legen.


Und dann kam Michael Cunningham und nimmt das Thema - naja, sagen wir es mal vorsichtig - „mit brachialer Gewalt“, zynisch, herabblickend, anstatt aufsehend auseinander. Diese Sachlage kann man nun als äußerst positiv, aber im gleichem Zuge auch negativ betrachten. Klare Ansichtssache.


Mich persönlich hat das extrem gestört.


Warum?


Zum Verständnis: Ich sehe die „Struktur“ des Märchens als eine Art bedrohte Tierart, die es  um jeden Preis gilt, in seinem Wesen, in seinem Lebensraum, in seiner Funktion zu schützen und zu bewahren. Tut man dies nicht, verliert diese - mehr oder weniger - vom Aussterben bedrohte Art an Bedeutung, aber auch an Daseinsberechtigung. Haltet mich ruhig für hypersensibel, aber bei diesem Thema fühle ich mich einfach dazu verpflichtet, meine Hände schützend zu erheben.


Michael Cunningham hat in Sachen Ausführung (Der Konsens zwischen altertümlicher Sprache und moderner Auffassung war durchaus da), und dem Schaffen eines Unterhaltungswertes, seine Sache ganz passabel erledigt, jedoch hat er das Urwesen, die Funktion, das Kernelement des Märchen anscheinend nicht verinnerlicht. Hätte er dies verstanden und beherzigt, so würde - auf seine eigene schriftliche Weise natürlich - eine erstzunehmende, altertümliche Märchenanthologie entstehen können, die den Geist der Zeit, aber auch das Unheimliche, das Brutale, das Tadelnde, sowie die damalige Unwissenheit der Akteuere bewundernswert einfängt. So ist es eine - mehr oder weniger - durchgehende Komödie geworden, die (leider) zu keinem Zeitpunkt an die

 Moral des Lesers appeliert. Auch wurde der in den Märchen stets präsente erhobene Zeigefinger unten gelassen und gegen hämische Lachsalven ausgetauscht. Weiters habe ich die im Märchen häufig vorkommende Beantwortung von Moralfragen in Form von lehrreicher, rücksichtsloser, meist tödlicher Gewalt schmerzlich vermisst. Klingt sadistisch, verhält sich hierbei nunmal so.


Fazit:


Kurz und schmerzlos: Meiner Meinung nach hätte Cunningham die überlieferten Grimm-Märchenerzählungen ein wenig in die Moderne adaptieren und neu interpretieren dürfen.

Gar keine Frage. Aber eine an den Haaren herbeigezogene, selbstgebastelte Anthologie zusammenzustellen, die komödiantisch und nicht gesellschaftskritisch daherkommt, hat mir persönlich so gar nicht gefallen!


Für all jene unter euch, die das Thema Märchen nicht so ernst nehmen, die Komödie der Ernsthaftigkeit vorziehen, werden hier mit Sicherheit gut unterhalten.


Allen anderen sei davon (leider) abzuraten...


Inhaltsangabe:


Michael Cunningham erzählt die alten Märchen neu – er betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel, hinterfragt sie mit Witz und Verve und zeigt dabei, wie zeitlos sie sind. 


Noch nie waren Märchen so lustig und raffiniert, so düster und sexy – und so wahr. Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rapunzel – wer erinnert sich nicht an die Gutenachtgeschichten aus der Kindheit, an Märchen, die uns verzauberten und schaudern machten. Einer der begnadetsten amerikanischen Schriftsteller holt nun diese und andere Märchen in unsere Gegenwart und erzählt, was sie verschwiegen oder vergessen haben oder wie es nach dem angeblichen Ende »wirklich« weitergeht. Und welch tiefe Abgründe sich an jeder Ecke auftun können. Die altüberlieferten Mythen über Könige und Prinzessinnen, Flüche, Zauber, Habgier und Verlangen erweisen sich in Michael Cunninghams spielerischen, so ironischen wie klugen Erzählungen als verblüffend modern und menschlich. 


Pressestimmen:


»Die Gebrüder Grimm würden wohl erröten - vor Begeistetrung.« (Stern) 


»Dieses Buch ist in jedem Fall ein Glücksgriff, wenn man ein Herz für Märchenfiguren hat.« (Angela Wittmann / Brigitte) 


»Ein Geniestreich, eine Liebeserklärung an die Fantasie, ein herrlich schräges Werk, reich an mysteriösen Essenzen und rätselhaften Zutaten, die - Vorsicht aber auch! - ziemlichen Suchtfaktor haben.« (Werner Krause / Kleine Zeitung Graz) 


»Cunningham ist ein brillanter Erzähler, der die schmalen Märchen über Außenseiter und Ausgestoßene virtuos in die Gegenwart überträgt.« (Rolf Fath / Badische Neueste Nachrichten) 


»Eine spannende Lektüre für Erwachsene, die das Kind in sich bewahrt haben.« (SonntagsBlick Magazin) 


»Komisch und klug ist dieses Buch, in dem lauter gestrandete, durch unzurechnungsfähige Götter (oder Erzähler) irregeleitete Märchenfiguren herumgeistern.« (Wolfgang Höbel / Der Spiegel)

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