Rezension: "Die Ermordung des Commendatore Band II“ von Haruki Murakami

Haruki Murakami ist einer jener international gefeierten Autoren, der sich über düstere, abstruse, nicht immer ganz zuordenbare Storykomponenten definiert, der stets bemüht ist, den Genregrenzen Paroli zu bieten, der klug genug ist, sich NICHT vom Mainstream mitreißen zu lassen und trotz seiner stilistischen Eigenheiten imstande ist, der Literatur einen erheblichen Wert beizumessen. Das Merkwürdige, das wahrlich Kuriose/Unheimliche an dieser Sache, ist die Tatsache, dass der Unterhaltungswert zu keinem Zeitpunkt unter dieser Vorgehensweise leidet. Tatsächlich. Es sind gerade eben diese leisen, obskuren, oft unausgesprochenen Momente, die den Leser - emotional - mitten in das Geschehen katapultieren.


Natürlich könnte man kritisieren, dass Murakami zu ausführlich, zu detailliert schildert.

Man sollte sich aber - so glaube ich - einfach ins Bewusstsein rufen, dass dies ganz einfach seine Art der Kommunikation darstellt.


Ebenso ist mir aufgefallen, dass er den unkonventionellen Dialog - so scheint es - äußerst schätzenswert findet, der sich übrigens irgendwo zwischen „pathetisch“ und „leichtfüßig“ bewegt.


Und sollte man sich hinterher fragen, WAS genau man da eigentlich gelesen hat, bzw. WAS einem der Autor mit diesem Text transportieren will,...beschäftigt man sich mit seiner (Anti-)Materie (die übrigens nie ganz der Realität zuzuordnen ist), so darf man sich zu den glücklichen Personen schätzen, die von Murikami zur Interpretation eigeladen worden sind.


Obwohl ich äußerst ungerne, Teile aus der eigenen Buchbesprechung rezitiere, muss ich in diesem Fall eine kleine Ausnahme machen. Denn viele positive Aspekte aus Band I, lassen sich auch in dem großartigen Folgeroman finden.


Um nicht bereits Gesagtes wiederholen zu müssen, werde ich mich nun meines eigenen Fazits bedienen:


„Haruki Murakami hat mit „Die Ermordung des Commendatore“ eine wirklich hinreißende und zugleich beunruhigende, literarische „Seifenoper“ geschrieben. Eine Geschichte über die diffizilen Auswüchse der Selbstfindung, die plötzliche Überforderung bei Wiedererlangen des Kontrollverlustes, und er erzählt über die verheerenden Auswirkungen der Einsamkeit. Man könnte es sozusagen als eine Hommage an das Künstlerdasein im Allgemeinen betrachten, eine schlichte Liebeserklärung an die Malerei, mit all ihren Höhen und Tiefen. Eine Parabel. Ein kleines Kunstwerk eben.

Außerdem ist es Murakami meisterhaft gelungen, die Genres so charmant und unaufdringlich zu tauschen, dass einem erst relativ spät bewusst wird, dass man sich plötzlich nicht mehr in einem Drama, sondern in einem subtilen Horrorfilm befindet.

Dass nun der Protagonist über die gesamte Lesedauer inkognito bleibt, ist anfangs tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig, hat sich aber im Laufe der Zeit für mich zu einer interessanten Komponente entwickelt. Es war Murakami schlussendlich nicht wichtig, dem Charakter ein Gesicht zu geben, sondern ihn über sein Handeln zu definieren und ihn am Scheitern wachsen zu lassen.“


GENAU DIESE spezielle Ausprägung des Geschichtenerzählens, nimmt Haruki Murakami in seinen zweiten Band „Eine Metapher wandelt sich“ mit. Veränderungen zu Band I gibt es kaum.

Klar, die Handlung als solche hat sich natürlich verändert, die Figuren haben sich weiterentwickelt, und die finale Stimmung ist deutlicher zu spüren.

So könnte man Band I - „Eine Idee erscheint“ - als voluminöse Vorgeschichte, als imposante Einleitung betrachten. Band II hingegen wirkt tatsächlich etwas reifer,...gelernter. Es scheint so, als habe Murakami den Rückenwind genutzt und den Charme auf Band II übertragen.


Fazit:


Kurzum kann man also festhalten:


Wer Band I (aus welchen Gründen auch immer) schon nicht mochte, der wird auch - wie kann es anders sein - Band II nicht besonders gut leiden können. All jene aber, die mit dem Auftaktroman ihre helle Freude gehabt haben, denen sei angeraten, sich den neuen Roman unbedingt zu besorgen. Er ist mindesten so lebhaft wie Band I. Mindestens so malerisch. Verführerisch. Frivol. Unheimlich. Fordernd. Zum Nachdenken anregend. Außerdem gibt es - obwohl sich die Handlung eigentlich fortsetzt - neue Storyimpulse, die dieser Dilogie äußerst gut tun.


Für mich ist Murakami ein absolutes Ausnahmetalent, ein Alleskönner, der seine schriftstellerischen Ambitionen ohne Einschränkungen auslebt. Und davon gibt es wahrlich nicht viele. Außerdem hat er das gewisse Etwas, das Gespür für den Dialog, dem er unglaublich viel Platz einräumt.


Und: Großes Lob an Ursula Gräfe! Es gibt auf über 1000 Seiten keinen einzigen gestelzten, übertriebenen, der Übersetzungsarbeit zum Opfer gefallenen Satz oder Dialog. DAS muss Ihnen erst mal einer nachmachen!


Diese Geschichten gehören mitunter zum besten Lesestoff, den man in diesem speziellen Sub-Genre findet!


Unbedingte Kaufempfehlung!!!


Inhaltsangabe Band I:


Ein gesichtsloser Mann – und sein Porträtist

Allein reist der namenlose Erzähler und Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in ein abgelegenes Haus, das einem berühmten Künstler gehört, zurück. Eines Tages erhält er ein äußerst lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Das, was Menshiki ausmacht, kann er nicht erfassen. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann? 

Durch einen Zufall entdeckt der junge Maler auf dem Dachboden ein meisterhaftes Gemälde. Es trägt den Titel ›Die Ermordung des Commendatore‹. Er ist wie besessen von dem Bild, mit dessen Auffinden zunehmend merkwürdige Dinge um ihn herum geschehen, so als würde sich eine andere Welt öffnen. Mit wem könnte er darüber reden? Da ist keiner außer Menshiki, den er kennt. Soll er sich ihm wirklich anvertrauen? Als er es tut, erkennt der Ich-Erzähler, dass Menshiki einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben hat.


Inhaltsangabe Band II:


http://www.dumont-buchverlag.de/buch/murakami-commendatore-bd-2-9783832198923/

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