Rezension: "Strafe“ von Ferdinand von Schirach

Jeder Leser, jede Leserin ist wahrscheinlich mit folgendem Szenario bestens vertraut: Man betritt eine Buchhandlung, wird umgehend von der Atmosphäre gepackt, voller Tatendrang, möchte sich von den vielen Novitäten, aber auch von der vor Ort fungierenden Fachkraft inspirieren lassen, neues Terrain zu betreten, neue Autoren literarisch kennenzulernen,...stellt dann aber schlussendlich fest, dass man doch ganz gerne zum Altbewährten, zum bereits Vertrauten tendiert, sich die Bücher der Lieblingsautoren greift und zum Verkaufstresen rennt. Kennt man doch, oder?

Ferdinand von Schirach ist einer der wenigen Schriftsteller - ich wiederhole gerne die Worte meines erst kürzlich veröffentlichten Facebookpostings -, denen ich literarisch voll und ganz vertraue und blindlings aus der Hand fresse!

Und wieder stehe ich vor der unfassbar schwierigen Aufgabe, eine Literaturkritik zu erfassen, die auch nur im Ansatz der Genialität dieses Ausnahmeerzählers gerecht werden soll.

 

Aber warum findet Schirachs sprachliche Distanziertheit so großen Anklang bei den vielen Lesern und begeistert damit ein Millionenpublium. Warum schafft er es immer wieder, auf so kurze Distanz, trotz kühler Betrachtung, eine ansehnliche, nachvollziehbare Geschichte zu entwerfen? Und wie um alles in der Welt gelingt es ihm so hervorragend, dermaßen gesellschaftskritisch zu sein, obwohl er nichts anderes tut, als die Alltagsprobleme der Menschen zu dokumentieren?

Oscarpreisträger Michael Haneke hat die kompakte Antwort. Er meint: „Immer wieder bin ich verwundert von Ferdinand von Schirachs Gabe, auf knappstem Raum das Widersprüchliche zu fassen, mit ein paar Worten den großen emotionalen Raum zu entwerfen. Immer wieder bin ich bis zu Tränen bewegt von dieser Kombination von unsentimentaler Genauigkeit und wunderbarer, menschenfreundlichster Empathie, die seine Texte so unvergleichlich machen.“

 

Mit „Strafe“ legt Ferdinand von Schirach - neben „Schuld“ und „Verbrechen“ - seinen bereits dritten Erzählband vor, der trotz seiner etwas kurzen Ausführung, jede Menge Empathie für das Geschriebene, aber auch für die Protagonisten übrig hat. Es ist mir bis heute ein wahrliches Räsel, wie er es immer wieder zustande bringt, durch seinen etwas bedachten, dokumentarfreudigen Stil, eine so distanzierte Basis zwischen Figuren und Leser zu schaffen, jedoch am Ende jeder einzelnen Geschichte mit unfassbar klaren Emotionen aufwarten kann.

Man könnte sogar sagen, dass jede von Schirachs Erzählungen, insgeheim auf der Suche nach einem elementaren Kern ist, ein Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung darstellt, dass seine geschilderten Fälle der Realität bedrohlich nahe kommen und dass hier anhand von Vexierspielen, der Bevölkerung permanent ein Spiegel vor die Nase gehalten wird. EIN SPIEGEL,...nicht aber Schirachs erhobener Zeigefinger. DAS dürfte einer der wesentlichsten Unterschiede sein, weshalb sich diese Geschichten, so deutlich vom Rest der Gattung abheben.

 

Fazit:

 

Eines muss und darf man so deutlich hervorheben: Schirachs beruflicher Einschlag/Werdegang als Anwalt für Strafrecht wirkt sich erheblich auf die Qualität seiner Romane aus. Durch diesen ernorm wichtigen Baustein, gewinnen die Erzählungen mit steigender Seitenanzahl an Substanz.

Und obwohl seine Handlungskonzepte oft extrem kurz ausfallen (ich denke da zum Beispiel an „Carl Tohrberg“ mit 64 Buchseiten), bekommt man dennoch ein klug recherchiertes, intensives Leseerlebnis, das man bei so manchem Wälzer oft vermisst.

Zusammenfassend kann man also festhalten: Schirachs judikativ-literarische Oxymeren fühlen sich nicht nur aufrichitg und realitätsnah an, sie lesen sich mindestens genauso ambitioniert.

Und: Die Charakterisierung seiner Protagonisten leidet zu keinem Zeitpunkt an der knappen Ausführung der Handlung.

Denn: Nicht die Gewalttat, der Prozess, die Verurteilung, oder die anschließende Genugtuung der Gerechtigkeit steht bei Schirachs Schilderungen im Mittelpunkt, sondern die ganz klare Tatsache, dass der Mensch nichts weiter zu sein scheint, als ein Subjekt mit unlösbaren Problemen. DAS ist Unterhaltung auf hohem Niveau, DAS ist wohlüberlegtes Storytelling in Reinform, DAS ist sein Markenzeichen.

 

Ganz klare Empfehlung!

 

Inhaltsangabe:

 

Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind? 

 

Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem neuen Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind. 

 

Ferdinand von Schirach verurteilt nie. In ruhiger, distanzierter Gelassenheit und zugleich voller Empathie erzählt er von Einsamkeit und Fremdheit, von dem Streben nach Glück und dem Scheitern. Seine Geschichten sind Erzählungen über uns selbst.

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Kommentare: 1
  • #1

    Janna | KeJas-BlogBuch (Mittwoch, 07 März 2018 03:43)

    Na da bin ich froh, das bereits eines seiner Bücher bei mir liegt - wenn dieses überzeugt werden die anderen definitiv folgen! Mir ging es wie dir, durch das Stöbern meiner Buchhandlung bin ich auf eines seiner Bücher gestoßen und musste es einfach kaufen! Wobei es für mich bislang ein unbekannter Autor ist - ich also bislang noch nichts von ihm gelesen habe.

    Liebe Grüße
    Janna