Rezension: „Gwendys Wunschkasten“ von Stephen King

All jene, die Stephen Kings Geschichten kennen,...sie verabscheuen, sie bewundern, oder viellicht sogar lieben, dürften mittlerweile wissen, dass dieser oftmals altmodisch-verkorkst dargestellte US-Bundesstaat Maine zentraler Dreh- und Angelpunkt seiner Handlungen darstellt. Aber nicht nur die wiederkehrende bedrohliche Örtlichkeit zieht eine Vielzahl der Leserschaft in Kings „Spiegelkabinett“, auch die Tatsache, dass seine Figuren vom Leben gezeichnete, missverstandene, naive Geschöpfe sind und dies möglicherweise einen gewagten Rückschluss auf seine eigene Kindheit/Jugendzeit zulässt, tut ihr Übriges.

Ähnlich verhält es sich auch bei dem mittlerweile 13. Band des Castle-Rock-Zyklus: ‚Gwendys Wunschkasten’. Auch hier wurde wieder ganz tief in der Trickkist gekramt und hervorragend labile Figürchen, ausgefuchste Geisteskranke und den ein oder anderen Mystery-Zauber zu Tage gefördert.

Merkwürdig allerdings - das darf man an dieser Stelle mit Sicherheit anmerken - ist die unfassbar kurze Darstellung, die ja gerade zu Kurzgeschichtencharakter besitzt.
Man ist es ja eigentlich gewöhnt (und DAS lieben die Fans schließlich auch daran), King mit fabulierenden Auswüchsen, detailgetreuen Personifizierungen und explodierenden Handlungssträngen in Verbindung zu bringen, was sich natürlich sehr häufig in extrem hohen Seitenanzahlen niederschlägt. Da ist es selbstverständlich kaum verwunderlich, dass Liebhaber und eingefleischte Fans nicht gerade Luftsprünge machen, wenn sie von einem 125seitigen King-Büchlein zu hören bekommen.

Aber jetzt mal ehrlich?

Wer imstande ist, ein glaubwürdiges (...glaubwürdig im Sinne eines strukturierten, nachvollziehbaren Aufbaus,...) Storykonzept auf Broschürenlänge zu konstruieren, der hat doch meiner Meinung nach den allerhöchsten Respekt verdient (Ja ich weiß: Der Preis für das gute Stück ist natürlich „überpowert“,...aber was soll‘s!)

Fakt ist aber, dass King hier versucht, 3 unterschiedliche Publikumsschichten zu treffen:

1. Die Castle-Rock-Zyklus- und generelle Stephen King-Liebhaberschaft, die sich ohnehin freuen, den Kosmos rund um Castle-Rock erweitert und die dazugehörigen Komponenten des mysteriösen Ortes mehr und mehr komplettiert zu bekommen.

2. Die - ich nenn sie jetzt mal - „Stephen King Gelegenheitsleser“. Jene, die King zwar gerne lesen, sich aber vor der Intensität und Fülle seiner Geschichten etwas abschrecken lassen. Jene, die quasi zwischen den Stühlen sitzen. Mit diesem kleinen aber feinen Büchlein dürfte diese Leserschaft durchaus gut bedient sein.

3. „King-Neulinge“: Es werden all jene angesprochen, die mit seinen Romanen bislang nichts am Hut hatten; durch „Gwendys Wunschkasten“ sich aber erneut die Chance auftut, erstmalig, völlig unaufdringlich, King-Luft schnuppern zu können. Das sensationelle Cover, sowie der anregende Plot (trifft übrigens meinen ganz persönlichen Geschmack!!!) könnte hier zur Kaufentscheidung durchaus beitragen!

Fazit:

Angst, Naivität, Vertrauen, Missgunst, Neid... sind nicht bloß leere Schlagworte. Sie bilden abermals, gemeinsam mit einer scheinbar unfriedvollen Kindheit/Jugendzeit, den Kern seiner Erzählung, den gut durchdachten - wenn auch für die Protagonisten schrecklich angsteinflößenden - Kreis, indem er sich ständig bewegt und literarisch wohl fühlt! Doch das größte Übel von allen, ist wohl die grenzenlose Neugier, die einer Vielzahl seiner Protagonisten als mieser, unheilvoller Talisman zu begleiten scheint. Und wieder verlangt er von seinen Figuren zu viel, tut ihnen scheußliche Dinge an, lässt sie mit so vielen Entscheidungen allein.
Man könnte sagen - wie bereits oben erwähnt -, die NeuGIER seiner Protagonistin, das unsagbare Verlangen nach Veränderung, der stark auftretende Größenwahn, die Selbstverherrlichung, und die daraus resultierenden Folgen, dürften zweifelsohne die Quintessenz dieses vielschichtig-angelegten Themenkataloges darstellen.

Lange Rede kurzer Sinn: Kritiken hin oder her, wer auf knapp 120 Seiten ein derart ausgefuchste, unterhaltsame Erzählung zusammenbringt, der muss sich nicht hinter seinen 1.500 Seiten Wälzern verstecken.

Für mich, eine ganz klare Empfehlung!

„Der Mensch ist nun einmal neugierig. Wenn er einen Hebel sieht, will er ihn ziehen. Wenn er eine Taste sieht, will er sie drücken.“

Inhaltsangabe:

Die kleine Stadt Castle Rock in Maine hat die seltsamsten Vorkommnisse und ungewöhnlichsten Besucher erlebt. Warum sollte es der 12-jährigen Gwendy anders ergehen? Eines Tages tritt ein schwarz gekleideter Unbekannter an sie heran und macht ihr ein Geschenk: einen Kasten mit lauter Schaltern und Hebeln. Wozu er dient? Gwendy probiert es aus, und ihr Leben verändert sich von Grund auf.

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