Rezension: "Der Nebelmann" von Donato Carrisi

Gleich zu Beginn wird klar: Donato Carrisi hat eine enorme Beobachtungsgabe für die Weiterentwicklung seines Protagonisten. Er lässt die Charakterisierung Vogels nicht etwa spurlos an sich vorüberziehen, vielmehr nimmt er ganz bewusst aktiv daran Teil und versucht stets, seinem sonderbaren, dubiosen Ermittler, ein manifestes "Gesicht" zu geben, ihn an sämtlichen (positiven, wie negativen) Taten wachsen zu lassen.

Außerdem hegt und pflegt er seine Liebe zum Detail und lässt jede Menge Einfallsreichtum in die Geschichte miteinfließen. Dies wird vor allem bei ruhigeren Szenenbildern, wie Landschafts-oder Umstandsbeschreibung, aber auch bei der Weiterentwicklung seiner Hauptfigur deutlich spürbar.


Neben dem wirklich sauber ausgeführten Haupthandlungsstrang, der starken Figurenausarbeitung und dem ganz und gar hervorragendne Settingaufbau, kümmert sich Carrisi intensiv darum, atmosphärische Momentaufnahmen entstehen zu lassen.

All dies ist dem Autor hervorragend gelungen.


An der sprachlichen Ausführung gibt es im Grunde nichts zu meckern, ABER eine Besonderheit ist mir - speziell am Beginn - dennoch aufgefallen: Carrisi lässt in der Anfangsphase seiner Story einen neutralen Erzähler zu Wort kommen und schildert eine Art "Verhörszene", die sich zwischen einem Psychiater und dem Hauptprotagonisten Vogel abspielt. Merkwürdig dabei ist allerdings, dass Carrisi seinen Erzähler hin und wieder emotional soweit von der Hauptfigur entfernt, dass er besagtem Protagonisten nicht einmal mehr mit Namen deklariert.


Beispiele:


1. "Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Sie hier sitzen", gestand Flores (Psychiater) ein wenig verlegen. [...] Darauf der Erzähler: 'Der andere nickte nur. Er schien tatsächlich in einem desorientierten Zustand zu sein - oder er war ein ausgezeichneter Schauspieler.' (Die Rede ist - wie ihr wahrscheinlich erahnen könnt - von Vogel)


2. Auf die Aussage des Psychiaters "Sie hatten großes Glück, wissen Sie das? Ich bin gerade an der Unfallstelle vorbeigefahren. Sie sind auf der richtigen Seite von der Straße abgekommen. Da ist zwar ein ziemlich tiefer Graben, aber auf der anderen Seite ist ein Abgrund" folgt der Satz: "Nebel", sagte der Gast (gemeint ist wieder 'Vogel')


3. "Sagen Sie, wie soll ich Sie anreden? Als Sonderermittler Vogel oder einfach Herr Vogel?" Darauf der Erzähler: Der Mann schien flüchtig darüber nachzudenken. "Das überlasse ich Ihnen" (Er hätte auch schreiben können: "Vogel schien flüchtig darüber nachzudenken")


Auch wenn sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einige von euch jetzt wundern bzw. glauben, sich damit nicht arrangieren zu

können, muss ich zugeben, dass ich diese mutigen Stilbrüche äußerst ansprechend gefunden habe. Aber kein Grund zur Sorge: Diese Ungewöhnlichkeit ist nur von kurzer Dauer und verflüchtigt sich nach der Einleitung merklich.


Fazit:


Müsste ich "Der Nebelmann", sowie Autor 'Donato Carrisi' mit einem Wort beschreiben, dann wäre dies wohl: detailverliebt.

Dies gilt übrigens nicht nur für die Ausführung einzelner Szenenbilder (die natürlich durch die Liebe zur Beschreibung etwas länger und verspielter ausfallen!), sondern auch für die Gestaltung des Satzaufbaus.

Zwei prägnante Markenzeichen würde ich mit Carrisi ganz klar in Verbindung bringen: Zum einen wäre dies der extrem markante Stil des Autors, der sich wunderbar - wie ein roter Faden - durch die ganze Story zieht. Zum anderen wäre dies der mutige Versuch, durch den bewussten Einsatz eines "dokumentarfreudigen Erzählers", Distanz zwischen Leser, Personen und Handlung herzustellen. Dies ist aber keinesfalls negativ anzumerken, schließlich hat sich der Autor - so gehe ich davon aus - bewusst dafür entschieden, seine Hauptfigur nicht als sympathischen Kumpeltypen rüberkommen zu lassen, sondern ihn auf das Wesentliche seines Seins zu reduzieren,...und zwar auf den schlichtweg konservativen Sonderermittler. (Dies vermittelt/transportiert er nicht nur über den Inhalt des Buches, sondern lässt seinen Erzähler - beizeiten -, distanziert, abwertend über Vogel sprechen, indem er ihn schlicht und einfach "(Der) Sonderermittler", "Er", "Der Andere", "Der Gast",...nennt.


Ob diese Eigenheit der sprachlichen Ausführung, bzw. die etwas distanzierte Betrachtungsweise der Umstände Gefallen findet oder nicht, ist natürlich eine Frage des Geschmacks. Klar ist aber, dass er dem Krimi-Mainstream damit einen gehörigen Denkzettel verpasst, und DAS tut absolut gut.

In Summe bekommt man einen intelligenten, etwas ruhigeren Kriminalroman geboten, der zu Beginn äußerst leise, bedacht und zurückhaltend auftritt,...ab Mitte des Buches aber seine ganze Power entfaltet.


In diesem Sinne: Ganz klare Empfehlung!


Inhaltsangabe:


Ein abgelegenes Dorf. Sieben verschwundene Kinder. Und ein Ermittler, dem nicht zu trauen ist: Dieser Thriller hat allein in Italien mehr als hunderttausend Leserinnen und Lesern den Atem geraubt. In einer eisigen Winternacht irrt der römische Sonderermittler Vogel mit blutbesudeltem Hemd durch die nebelverhangenen Wälder am Rand eines Dorfes. Vogel war vor einigen Wochen von Rom in die italienischen Alpen gereist, um den Verbleib eines vermissten Mädchens zu klären. Dreißig Jahre zuvor waren mehrere Kinder in den umliegenden Wäldern verschwunden, und es besteht der dringende Verdacht, dass der Mörder von damals – der im Dorf nur »Der Nebelmann" genannt wird – wieder aktiv geworden ist. Als Vogel aufgegriffen wird, gibt er an, einen Unfall gehabt zu haben, doch das Blut an seinem Hemd stammt nicht von ihm. Ein Psychiater wird gerufen, um ihn zu befragen. Vogel beginnt zu erzählen – und sein Bericht ist ungeheuerlich.


Pressestimmen:


»Carrisi ist der Meister der Spannung.«

(La Repubblica)


»Ein perfekter Thriller mit einem Ende, das sprachlos macht.« (La Lettura)


»Atemberaubend!« (Corriere della Sera)


»So gut wie Stieg Larsson und Jo Nesbø.« (The Guardian)


»In einem Wort: grandios.« (La Stampa)

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