Rezension: "Fremd" von Poznanski/Strobel

Die Geschichte beginnt mit einer höchst merkwürdig Szenerie: Eine Frau, die in ihrem eigenen Haus plötzlich einem fremden Mann gegenübersteht. Einem Mann, der behauptet ihr Lebensgefährte zu sein….
Zum Inhalt:
Der Beginn des Buches ist aufgrund der merkwürdigen Ausgangslage schon mal sehr vielversprechend. Die Story steigt sofort mitten im Geschehen ein; es gibt kaum Vorlaufzeit; man wird sozusagen gleich mal ins kalte Wasser geworfen. Und das ist auch gut so, denn so nimmt die Handlung gleich zu Anfang sehr viel Fahrt auf und startet mit erhöhtem Rückenwind.
Diese Form der Einleitung erfindet zwar das Rad nicht neu, hat sich aber in der Vergangenheit schon sehr oft bewährt und führte dementsprechend immer wieder zu Erfolg.
Hat man eine solche Art der Einleitung vor sich liegen, wird man vom Autor – in diesem Fall von den Autoren - quasi gezwungen, sich mit den Figuren auseinanderzusetzen. Schnell wird man für sich entscheiden müssen, wer der Gute, wer der Böse ist. Obwohl diese Sichtweise sich während der Lektüre häufig ändern kann, so nimmt man dennoch diese Anfangs-Grundeinstellung auf den restlichen Teil der Lesereise mit. Plötzlich hat man als Zuschauer die Objektivität verloren. Man ergreift von nun an Partei für einen Protagonisten, verbündet sich insgeheim mit ihm/ihr. Wenn es der Autor nun schafft, die Rollen zwischen Gut und Böse gekonnt zu tauschen, immer wieder zu verwirren, aber logisch/nachvollziehbar zu bleiben, so könmte man von einem gelungenen Thriller sprechen. Mit „Fremd“ von Ursula Poznanski und Arno Strobel hatte ich so meine Probleme. Zwar war hier die Grundidee sehr solide, alles war eigentlich angerichtet für ein tolles Spektakel, jedoch kam es mir so vor, als wollte man einfach nicht zum Punkt kommen, als zögerte man den unausweichlichen Höhepunkt hinaus, um sinnlose Seiten zu füllen. Dass man dann auch noch Kapitelweise die Perspektive zwischen Mann und Frau ändert, sprich die Figuren abwechselnd in der „Ich-Person“ sinnieren/erzählen lässt, tat der Geschichte überhaupt nicht gut.
Er meint: „…Was ist bloß mit meiner Frau los??“
Sie meint: „Ich kenne den Mann nicht!!“
Dann meint er: „Was ist bloß los mit ihr??“
Sie meint: „Was ist nur los mit mir?“
***************SPOILER****************
…klar klingt das jetzt ein wenig übertrieben, aber es ist im Grunde recht einfach: Wenn man beide in der „Ich-Form“ darstellt, so wird schnell klar, wie die Rollenverteilung aussieht bzw. in welche Richtung sich die Chataktere entwickeln werden...
Beispiel:
Niemand würde zu sich selbst sagen: "Wieso kann sie sich nicht an mich erinnern? Sie muss doch wissen, dass ich hier wohne?! Meine eigene Frau hält mich für einen Verbrecher, für einen Vergewaltiger,...", wenn er es nicht ernst meinen würde.
Eine Erzählstimme hingegen, würde dies viel einfacher auf die Reihe bekommen, denn so tritt sie selbst als Beobachter auf und erzählt dem Leser/der Leserin nur jenes, was sie selbst gesehen hat.
Wenn ich euch jetzt erzählen würde, dass ich gestern ein Auto geklaut habe und damit abgehauen bin, wäre dies weniger spannend und reizvoll, als wenn euch jemand anders erzählt, er hätte mich gestern um ein Auto herumschleichen sehen und bemerkt wie ich versucht habe die Türen aufzukriegen und ins Auto zu gelangen.
Einzige Möglichkeit daher, um es plausibel darzustellen: Die Figur ist geistig instabil und redet sich diese Dinge bloß ein. Dann hätten wir zwar EIN mögliches, sinnvolles Ende, aber leider keine Überraschung mehr, da es ja schließlich das einzige ist!!
***********SPOILER ENDE*************
Es ist also absolut verständlich, wenn man die weibliche Person aus der Ego-Perspektive zeichnet, jedoch muss beim zweiten Part, dem angeblichen Ehemann, in die Erzählperspektive gewechselt werden. Nur so lassen sich Lügen, und vor allem Täuschungen einfacher verstecken, nur so lässt man mehrere Möglichkeiten für die Auslegung des Schlussaktes offen.
Es besteht demnach ein großer Unterschied zwischen den einzelnen Erzählformen. Leider passen sie hier überhaupt nicht zusammen, sodass die Spannung sehr schnell in Richtung Keller wandert.
Zur Abrundung muss ich sagen, dass mich auch diese wechselnden Perspektiven (mal erzählt sie, mal erzählt er) mit der Zeit einfach zu sehr gelangweilt/genervt haben. Es kam einfach nichts Neues daher, sodass ich nach ca. 200 Seiten noch immer gleich viel wusste wie zu Beginn, was ich total schade fand, da die Handlung sooo viel Potenzial hatte. Plötzlich hatte ich nicht mehr den Drang zu erfahren, welche Figur hier ein falsches Spiel spielt, denn für mich gab es hier keine rationale Auflösung mehr. Trotz alledem las ich weiter, hoffte auf Besserung, wartete auf die Schlussmomente, auf die Auflösung und wurde leider auch hier etwas enttäuscht. Komplett an den Haaren herbeigezogenes Ende, das wirrer und unlogischer nicht hätte sein können. Wirklich Schade.
 
Fazit:
Fans der Autoren sollten sich auch „Fremd“ nicht entgehen lassen, denn man bekommt auf ca. 400 Seiten eine packende Anfangsphase, prägnante Figuren, sowie eine tolle Grundthematik präsentiert. Leider verliert sich die Story dann in der Eintönigkeit und gipfelt in einem sehr unglaubwürdigen Ende. Auch die abwechselnden Perspektiven tun der Geschichte gar keinen Gefallen und haben maßgeblich Schuld daran, dass die Handlung sehr schnell einschläft. Fans sollten auf jeden Fall wieder zugreifen, dem Rest würde ich eher empfehlen, sich einen Vorgänger näher anzuschauen.
Inhaltsangabe:
Stell dir vor, du bist allein zu Haus. Plötzlich steht ein Mann vor dir. Er behauptet, dein Lebensgefährte zu sein. Aber du hast keine Ahnung, wer er ist. Und nichts in deinem Zuhause deutet darauf hin, dass jemand bei dir wohnt. Er redet auf dich ein, dass du doch bitte zur Vernunft kommen sollst. Du hast Angst. Und du verspürst diesen unwiderstehlichen Drang, dich zu wehren. Ein Messer zu nehmen. Bist du verrückt geworden?
Stell dir vor, du kommst nach Hause, und deine Frau erkennt dich nicht. Sie hält dich für einen Einbrecher. Schlimmer noch, für einen Vergewaltiger. Dabei willst du sie doch nur beschützen. Aber sie wehrt sich, sie verbarrikadiert sich. Behauptet, dich niemals zuvor gesehen zu haben. Sie hält dich offensichtlich für verrückt. Bist du es womöglich?
Eine Frau. Ein Mann. Je mehr sie die Situation zu verstehen versuchen, desto verwirrender wird sie. Bald müssen sie erkennen, dass sie in Gefahr sind. In tödlicher Gefahr. Und es gibt nur eine Rettung: Sie müssen einander vertrauen …

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